Radiozukunft auf Abstellgleis?

Zwei Meldungen irritierten mich Ende vergangener und in dieser Woche. Die eine handelte vom Sendeschluss über den modernen, digitalen Standard DAB+ von Radio Teddy innerhalb des Rhein-Main-Mux, der über weite Teilen Hessens und geringfügig auch in Rheinland Pfalz zu empfangen ist. Der Grund? Die Zuweisung einer UKW Frequenz oder sagen wir mangels Reichweite, Funzel in Frankfurt am Main. Die zweite Meldung beschäftigte sich mit einer Auseinandersetzung zwischen dem Programmveranstalter Peli One und dem Sendernetzbetreiber MediaBroadcast, der medienwirksam ausgefochten wurde. Auf die Inhalte will ich nicht näher eingehen, da es unterdessen eine Einigung im Streit gab, der zwischenzeitlich in einer temporären Abschaltung über DAB+ in Hamburg und Berlin gipfelte.

Beide Fälle zeigen eins: Ohne politische Weichenstellung wird Radio in Deutschland auf der Stelle treten und, wenn es so weiter geht, meiner Meinung nach in einer Stagnation bzw. Depression münden. Bei allen betriebswirtschaftlichen Verständnis, dass man über UKW dank größerer Reichweite auch mehr Erträge generieren kann… . Aber, fehlt es denn in Deutschland einigen Radioveranstaltern an Motivation die Zukunft mitzugestalten und Vorreiter bei einer digitalen Radiorevolution zu sein? Ist denn UKW das Maß aller Dinge? An UKW führt derzeit kein Weg vorbei, aber dieser ist endlich, wie man an der sinkenden Nutzung des noch dominanten analogen Verbreitungsweges erkennen kann; sehr präzise nachzulesen im Digitalisierungsbericht der Medienanstalten der letzten Jahre. Und was kommt dann? Endloses Rauschen oder kristallklarer Radioklang bei deutlich erhöhter Vielfalt? Den öffentlich-rechtlichen Anstalten fällt die Antwort leicht. Sie setzen konsequent auf Digitalisierung und beenden, wenn auch noch zaghaft, bereits erste UKW-Anlagen. Im privatem Lager sieht es anders aus. Je weiter man nach Norden kommt, desto geringer die Sendervielfalt über DAB+. Gäbe es keinen Bundesmux, wäre man komplett auf das, übrigens vielfältige, Angebot des NDR angewiesen, aber eben auch nur diesem. Ist vielen Häusern die Zukunft schlicht egal? Bei Nachfragen schallt einem immer wieder das Wort IP als zukunftsweisend entgegen, so beispielsweise die Ostseewelle bei einem Interview des Online-Angebots „Digitalradio in Deutschland“:


DAB+ ist nach meiner Einschätzung eine verzichtbare Übergangstechnologie. Die Zukunft liegt in der Online-Verbreitung


Hmmm, ok…. . Naja, ich kann das jetzt kaum widerlegen, die Zahlen und das Wachstum sprechen aber mindestens genau so gut für DAB+. Und, welche Online-Strategie haben die Sender? Eine Hoffnung, dass man sie via der zahlreichen Aggregatoren mit einem Angebot von jeweils über 10.000 weltweit empfangbaren Sendern genau so begeistert hört wie auf UKW? Zu Zeiten in denen die Programme immer austauschbarer werden? Wo ist denn der bundesweite Big Player, der versucht den großen Musikstreamingdiensten aus Europa oder USA Paroli zu bieten? Ach so, gibt es nicht… . Aber liebe Radiomacher, es gibt DAB+. Ein wunderbarer, funktionierender, erprobter und für den Hörer mehr Vielfalt bietende Standard, der sich in den nördlichen Ländern Europas immer höherer Beliebtheit erfreut, im Zusammenspiel mit IP: Hier mal ein paar Zahlen: In Großbritannien wurde im vergangenen Jahr die magische Grenze von 50% digitaler Radionutzung durchbrochen. Warum? Weil alle Anbieter, ob öffentlich-rechtlich oder privat konsequent an einem Strang ziehen. Im Sommer war das Geschrei groß, als die Radionutzung im Juli in Norwegen, dem ersten Land, welches sich von UKW weitestgehend trennte, auf ca. 49% sank. Und heute? Im November 2018 lag die Quote bereits wieder bei über 59%, ähnlich wie im Vorjahr. Oder schauen wir ins benachbarte Südtirol, wo das UKW-Ende längst durch den Beginn von Anlagenabbau besiegelt ist. Auch in der Schweiz hat der Countdown für das UKW-Aus längst begonnen.

Also, bitte ein wenig mehr Zuversicht was die Veränderung der Mediennutzung betrifft, aber auch mehr Sicherheit. Es ist verständlich, dass die Umstellung viel Investition erfordert, insbesondere in einer Übergangsphase, daher sollte über finanzielle Förderung, die es übrigens in Bayern schon gibt, nachgedacht werden. Ebenfalls wäre eine Aufnahme des Diskussion über eine UKW-Abschaltung dienlich, zumindest um Parameter festzulegen, wann dies passieren kann, denn der Verbraucher bleibt aktuell irritiert zurück, welches Gerät nun zukunftsfähig ist. Zumindest die EU hat begrüssenswerterweise eine Richtlinie im vergangenem Jahr verabschiedet, die keine reinen UKW-Empfänger in Neuwägen zukünftig mehr erlaubt.

Und damit kommen wir zu den mutigen Radio-„Kämpfern“, wie PeliOne, die neben IP ausschließlich auf DAB+ setzen. Die haben es in der Vermarktung nicht leicht, wie selbst in Interviews mit dem meinungsbarometer.info hochrangige Medienmanager großer Radiohäuser einräumen. Auch diese brauchen diese Sicherheit, werden sie doch in Sachen Vermarktung bislang weitestgehend alleine gelassen. Zu viele innovative Anbieter mussten schon über DAB+ aufgeben: Antenne 50 plus, LoungeFM, Kultradio und viele andere. Der Geschäftsführer von Kultradio, welches noch über IP weiter sendet, beklagte jüngst gegenüber meinungsbarometer.info, dass die großen Vermarkter die Tür gegenüber DAB+ -only Stationen verschlossen halten. Noch deutlicher wurde im gleichen Magazin Ulrich Hürter von der Medienberatung Hürter: „Die DAB+-Sender sollten sich nicht der illusionären Verkennung hingeben, es läge an Hörerzahlen, Altersdurchschnitt etc, also den üblichen ma-Kriterien. Die Blockade liegt in erster Linie an der Marktbeherrschung der UKW-Sender.“

Sollte dies zutreffend sein, eine äußerst gefährliche Strategie, die die Bedürfnisse des Hörers völlig außer Acht lässt, insbesondere wenn man sich wieder von DAB+ zurück zieht. Die starken Zuwächse für Spotify, Deezer, Amazon Music sollten Warnung genug sein. Der Hörer will heute viel mehr mitentscheiden. Und das kann er nur bei ausreichender Auswahl. DAB+ kann diese im Vergleich zum Internet auch nicht bieten, aber eine deutlich höhere im Vergleich zu UKW und das für Kosten eines Empfängers ab 30 Euro. Eine ausreichende Datenflat für starke Audionutzung kommt auf den gleichen Betrag, allerdings monatlich!

Wie vom Privatradioverband VAUNET schon mehrfach gefordert, braucht es endlich eine Radioagenda, um die Wichtigkeit des populären Mediums hervorzuheben. Allerdings bitte ohne einfältiges, analoges UKW-Rauschen, sondern mit kristallklarem DAB+ – Digitalklang, ergänzt durch die zahllosen Möglichkeiten durch IP. Also liebes Radioland: Packt es endlich konsequent alle zusammen an und überlasst nicht einzelnen starken Kämpfern die Arbeit, um später am gemachten Buffet mitgenießen zu können. Mitgekochtes Essen schmeckt schließlich am besten, oder?

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